NACHTEILSAUSGLEICH

Der prüfungsrechtliche Nachteilsausgleich – Wann wird er gewährt und welche Formen sind denkbar?

Der Anspruch auf Nachteilsausgleich bei Prüfungen im Studium oder in der Ausbildung ergibt sich unmittelbar aus dem Grundgesetz. Der Grundsatz der Chancengleichheit aus Artikel 3 Absatz 1 GG gebietet es, dass derjenige Prüfling einen Ausgleich erhält, der aufgrund einer körperlichen Beeinträchtigung seine wahre Leistungsfähigkeit nicht zeigen kann. Es gibt zahlreiche  Möglichkeiten, in welcher Form ein Nachteilsausgleich gewährt werden kann – am bekanntesten ist wohl die Schreibzeitverlängerung. Allerdings gilt auch hier der Grundsatz der Chancengleichheit als Maßstab: Der Nachteilsausgleich darf nicht zum Vorteil des Prüflings gegenüber seinen Mitprüflingen führen.

 

Antragspflicht und ärztlicher Nachweis

Das Wichtigste gleich vorweg: Ein Nachteilsausgleich muss beantragt werden. Es gibt keine Pflicht der Prüfungsbehörde, von sich aus tätig zu werden und „nachzuforschen“, welcher Prüfling wohl eines Ausgleichs bedarf. Zudem muss der Antrag naturgemäß vorder Prüfung gestellt werden – eine Gewährung im Nachhinein, quasi als „Bonus“ ist ausgeschlossen. Dazu kommt, dass der Prüfling seine Beeinträchtigung durch ein aussagekräftiges Attest seines behandelnden Arztes glaubhaft machen muss. Auch hier gilt – wie bei der Prüfungsunfähigkeit: Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung oder Ähnliches genügt nicht. Und: Nicht der Arzt, sondern die Prüfungsbehörde entscheidet darüber, ob ein Nachteilsausgleich gewährt wird und, wenn ja, in welcher Form. Aus der ärztlichen Bescheinigung muss sich daher ergeben, unter welcher Erkrankung der Prüfling leidet und wie sich diese auf seine Leistungsfähigkeit auswirkt.

 

Körperliche Beeinträchtigung des wahren Leistungsvermögens

Bei der Frage, welche Beeinträchtigung zu einem Nachteilsausgleich führen kann, lassen sich drei Kriterien benennen, die erfüllt sein müssen:

 

Dauerhafte Erkrankung

Zunächst kann es nur einen Nachteilsausgleich für körperliche Beeinträchtigungen geben, die dem Prüfling auf Dauer anhaften. Das bedeutet nicht, dass eine chronische oder unheilbare Erkrankung vorliegen muss. Es darf sich allerdings nicht um eine Beeinträchtigung handeln, die innerhalb eines Zeitraums von ca. 6-12 Monaten wieder auskuriert ist – denn in diesem Falle läge lediglich eine temporäre Prüfungsunfähigkeitvor, die zum Rücktritt von der Prüfung berechtigt. Der Prüfling hat nach der verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung kein Wahlrecht, ob er wegen seiner Erkrankung von der Prüfung zurücktritt oder ob er einen Nachteilsausgleich beantragt.

 

Keine generelle Prüfungs- oder Studierunfähigkeit

Die Erkrankung darf ferner nicht so gravierend sein, dass sie die generelle Prüfungsfähigkeit in Frage stellt. Wer z.B. unter pathologischer Prüfungsangst leidet, die dazu führt dass jede Art und Form einer Prüfung schwere körperliche Qualen auslöst, wird dieses Problem nicht mit einem Nachteilsausgleich in den Griff bekommen können. Denn generell müssen bei einem Nachteilsausgleich die Leistungsanforderungen beibehalten werden – man kann nicht die Prüfung als solche komplett abschaffen.

 

Keine Beeinträchtigung der prüfungsspezifischen Leistungsfähigkeit

Das wichtigste Kriterium, das erfüllt sein muss, betrifft  die konkreten Auswirkungen der körperlichen Beeinträchtigung: Die prüfungsspezifische Leistungsfähigkeit darf durch die Erkrankung nicht beeinträchtigt sein, sondern lediglich die Umsetzung dieser Fähigkeit. Mit anderen Worten: Für Einschränkungen der Leistungsfähigkeit gibt es keinen Ausgleich, sondern nur für Einschränkungen der Leistungsumsetzungsfähigkeit. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Wer bei einer mehrstündigen Mathematik-Klausur aufgrund einer chronischen, gesundheitlichen Beeinträchtigung Schwierigkeiten hat, sich zu konzentrieren, wird hierfür keinen Nachteilsausgleich erhalten, da die Fähigkeit, unter zeitlichem Druck konzentrierte Leistungen abzurufen, Teil des Prüfungsgegenstandes ist.  Wer bei der gleichen Klausur allerdings aufgrund einer Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) länger benötigt, um die in Textform gehaltene Aufgabenstellung zu lesen, hat einen Anspruch auf Nachteilsausgleich in Form von Schreibzeitverlängerung. In diesem Fall ist die prüfungsspezifische Leistungsfähigkeit nicht eingeschränkt, also ist ein Ausgleich möglich.

 

Einzelfallbetrachtung bei jeder Prüfung

Es wird deutlich: Für welche Erkrankung ein Nachteilsausgleich gewährt werden kann, hängt maßgeblich von der konkreten Prüfung ab, für die ein Ausgleich begehrt wird. Es ist richtig, dass für ein und dieselbe Erkrankung in der einen Prüfung ein Nachteilsausgleich gewährt werden muss (LRS in einer Mathematik-Prüfung, siehe oben), während er in einer anderen Prüfung nicht gewährt werden dürfte (LRS im juristischen Staatsexamen: Das schnelle Erfassen und Aufnehmen von umfangreichen Texten ist Teil des Prüfungsgegenstands).

 

Formen des Nachteilsausgleichs

In welcher Form der Nachteilsausgleich gewährt wird, hängt ebenfalls sowohl von der Art der Einschränkung als auch von der Prüfung selbst ab. Es kommen hier Schreibzeitverlängerungen, Schreibpausen oder auch technische Hilfsmittel in Betracht. Wichtig ist, dass der Ausgleich nicht zu einer Überkompensation führt und damit den Prüfling gegenüber seinen Mitprüflingen begünstigen würde. Aus diesem Grunde kann z.B. ein Wechsel der Prüfungsform als Nachteilsausgleich nicht gefordert werden. Auf der anderen Seite muss der Ausgleich auch hinreichend geeignet sein, um die Beeinträchtigung des Prüflings tatsächlich ausgleichen zu können. Das kann mitunter für die Prüfungsbehörde etwas aufwendig werden. So durfte beispielsweise ein Prüfling mit Tinnitus eine schriftliche Prüfung in einem gesonderten Raum unter Aufsicht schreiben – mit abgesprochener Hintergrundmusik!